
Das sind häufige Aussagen zum Gutachter Honorar: „So viel kostet ein Gutachten? Aber Sie waren doch nur eine Stunde vor Ort!“
Diesen oder einen ähnlichen Satz haben vermutlich schon einige von uns gehört. Für Auftraggeber ist häufig nur ein kleiner Teil unserer tatsächlichen Arbeit sichtbar. Sie erleben den Ortstermin, erhalten einige Tage später das fertige Gutachten und sehen schließlich die Rechnung. Was dazwischen passiert, bleibt oft im Verborgenen. Doch wie viel ist unsere Arbeit eigentlich wert?
Gerade als selbstständige Gutachter und Sachverständige sollten wir uns diese Fragen regelmäßig stellen. Denn wer seine Leistungen dauerhaft unter Wert anbietet, gefährdet nicht nur die eigene Wirtschaftlichkeit, sondern möglicherweise auch die Zeit, die für sorgfältige und qualitativ hochwertige Arbeit notwendig ist.
Ein Gutachten besteht aus mehr als einem Ortstermin
Für Außenstehende beginnt unsere Arbeit häufig erst dann, wenn wir mit Kamera, Messgerät oder Notizblock vor Ort erscheinen.
Tatsächlich haben wir zu diesem Zeitpunkt meist bereits einige Arbeitsschritte erledigt. Wir haben mit dem Auftraggeber gesprochen, die Aufgabenstellung geklärt, Unterlagen gesichtet und uns auf den Termin vorbereitet.
Nach dem Ortstermin geht die Arbeit weiter. Fotos werden ausgewertet, Messwerte geprüft, Sachverhalte recherchiert und fachliche Schlussfolgerungen erarbeitet. Erst danach entsteht das eigentliche Gutachten.
Je nach Fachgebiet und Aufgabenstellung kann die Auswertung sogar deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Besichtigung selbst.
Wer ausschließlich den sichtbaren Teil seiner Arbeit kalkuliert, übersieht einen erheblichen Teil der tatsächlich erbrachten Leistung.
Was Auftraggeber häufig nicht sehen
Hinter einem professionellen Gutachten steckt weit mehr als die Zeit, die wir unmittelbar mit einem einzelnen Auftrag verbringen.
Zu einer realistischen Honorarkalkulation gehören unter anderem:
- Vorbereitung und Organisation: Erstgespräche, Auftragsklärung, Terminabstimmung und Sichtung der vorhandenen Unterlagen.
- Begutachtung und Auswertung: Ortstermine, An- und Abfahrt, Messungen, Fotodokumentation, Recherche und fachliche Bewertung.
- Gutachtenerstellung: Strukturierung der Ergebnisse, schriftliche Ausarbeitung, Qualitätskontrolle und gegebenenfalls notwendige Überarbeitungen.
- Betriebliche Kosten: Büro, Software, technische Ausstattung, Versicherungen, Buchhaltung und Verwaltung.
- Fachliche Weiterentwicklung: Fortbildungen, Fachliteratur, neue Normen und der regelmäßige Austausch mit Kollegen.
Hinzu kommt etwas, das sich nur schwer in Stunden ausdrücken lässt: unsere Erfahrung.
Ein Sachverhalt, den wir heute innerhalb kurzer Zeit richtig einordnen können, hätte uns zu Beginn unserer beruflichen Laufbahn möglicherweise deutlich mehr Zeit gekostet.
Diese Effizienz ist kein Grund, unsere Leistung günstiger anzubieten. Sie ist das Ergebnis jahrelanger praktischer Erfahrung und kontinuierlicher Weiterbildung.
Der häufigste Kalkulationsfehler: nur die produktiven Stunden zählen
Gerade in der Selbstständigkeit passiert es schnell, dass wir unsere Honorare anhand der Stunden berechnen, die wir unmittelbar für einen Auftrag aufwenden.
Dabei vergessen wir manchmal, dass nicht jede Arbeitsstunde auch eine abrechenbare Stunde ist.
Wir müssen Angebote erstellen, Rechnungen schreiben, unsere Buchhaltung erledigen, neue Auftraggeber gewinnen, technische Ausstattung warten und uns fachlich auf dem Laufenden halten.
Auch Urlaub, Krankheit und auftragsärmere Zeiten müssen wirtschaftlich berücksichtigt werden.
Wer beispielsweise 40 Stunden pro Woche arbeitet, kann deshalb nicht automatisch 40 Stunden abrechnen.
Eine realistische Kalkulation muss berücksichtigen, wie viele Stunden tatsächlich für abrechenbare Leistungen zur Verfügung stehen und welche Einnahmen erforderlich sind, um sämtliche Kosten zu decken und ein angemessenes Einkommen zu erzielen.
Dabei sind selbstverständlich die jeweils geltenden gesetzlichen Vergütungsregelungen, vertraglichen Vereinbarungen und gegebenenfalls verbindlichen Honorarvorgaben zu beachten.
Gutachter Honorar: Ein niedriger Preis ist nicht automatisch ein Wettbewerbsvorteil
Natürlich spielt der Preis bei der Entscheidung für einen Gutachter eine Rolle.
Doch sollten wir uns wirklich hauptsächlich über möglichst niedrige Honorare positionieren?
Unsere Auftraggeber benötigen vor allem eine fachlich fundierte, unabhängige und nachvollziehbare Bewertung. Sie möchten sich darauf verlassen können, dass wir sorgfältig arbeiten und die notwendige Expertise mitbringen.
Ein auffallend niedriges Honorar kann dagegen wirtschaftlichen Druck erzeugen. Wenn wir für einen Auftrag zu wenig Zeit kalkulieren, müssen wir die fehlende Wirtschaftlichkeit an anderer Stelle ausgleichen.
Langfristig ist das keine tragfähige Grundlage für ein professionelles Sachverständigenbüro.
Statt ausschließlich über den Preis zu konkurrieren, sollten wir deshalb stärker vermitteln, welchen konkreten Nutzen unsere Arbeit bietet.
Den Wert unserer Arbeit verständlich kommunizieren
Nicht jeder Auftraggeber kann einschätzen, wie aufwendig die Erstellung eines Gutachtens ist.
Deshalb lohnt es sich, bereits bei der Auftragsklärung transparent zu erklären, welche Leistungen enthalten sind und wie sich der voraussichtliche Aufwand zusammensetzt.
Dabei müssen wir nicht jede interne Kalkulationsposition offenlegen.
Vielmehr geht es darum, nachvollziehbar zu machen, dass unsere Arbeit nicht mit dem Ortstermin beginnt und auch nicht mit der letzten Messung endet.
Wer den Umfang unserer Tätigkeit versteht, kann häufig besser nachvollziehen, weshalb ein professionelles Gutachten seinen Preis hat.
Auch eine klar formulierte Leistungsbeschreibung im Angebot hilft dabei, Missverständnisse und spätere Diskussionen zu vermeiden.
Weiterbildung und Qualität haben ebenfalls ihren Preis
Unser Fachwissen ist eine wesentliche Grundlage unserer beruflichen Tätigkeit. Doch einmal erworbene Kenntnisse reichen nicht für ein ganzes Berufsleben.
Neue Normen, technische Entwicklungen, veränderte Anforderungen und digitale Arbeitsmethoden machen kontinuierliche Weiterbildung notwendig.
Dafür investieren wir Zeit und Geld – häufig in Stunden, in denen wir keine Aufträge bearbeiten können.
Auch hier zeigt sich der Wert eines starken Berufsverbandes. Der Deutsche Gutachter und Sachverständigen Verband e.V. (DGuSV) unterstützt seine Mitglieder unter anderem durch ein fachübergreifendes Netzwerk und Weiterbildungsmöglichkeiten in Zusammenarbeit mit erfahrenen Kooperationspartnern.
Der Austausch mit anderen Sachverständigen und die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer fachlichen Kompetenz sind wichtige Investitionen in die Qualität unserer Arbeit.
Diese Investitionen sollten wir bei unserer langfristigen Unternehmensplanung nicht vergessen.
? DGuSV-Praxistipp
Ermitteln Sie einmal den tatsächlichen Zeitaufwand eines abgeschlossenen Auftrags.
Nehmen Sie ein typisches Gutachten aus Ihrer täglichen Praxis und notieren Sie rückblickend möglichst genau, wie viel Zeit Sie vom ersten Kundenkontakt bis zur endgültigen Archivierung investiert haben.
Berücksichtigen Sie dabei auch Telefonate, Terminabsprachen, Fahrtzeiten, Recherche, Nachbereitung und administrative Tätigkeiten.
Teilen Sie anschließend Ihr tatsächlich erzieltes Honorar durch die insgesamt investierten Stunden. So erhalten Sie einen ersten Anhaltspunkt dafür, wie wirtschaftlich dieser Auftrag tatsächlich war.
Für eine vollständige Kalkulation müssen Sie zusätzlich Ihre betrieblichen Kosten und nicht abrechenbaren Arbeitszeiten berücksichtigen.
Vielleicht stellen Sie fest, dass Ihre bisherige Kalkulation gut funktioniert. Vielleicht entdecken Sie aber auch Leistungen, deren Aufwand Sie bislang regelmäßig unterschätzt haben.
Fazit: Unsere Arbeit hat ihren Wert – und den sollten wir kennen
Als Gutachter und Sachverständige tragen wir Verantwortung. Wir investieren in unsere fachliche Kompetenz, arbeiten sorgfältig und erstellen Bewertungen, auf deren Grundlage unsere Auftraggeber wichtige Entscheidungen treffen.
All das hat einen Wert.
Natürlich muss unser Honorar zum jeweiligen Auftrag, zum tatsächlichen Leistungsumfang und zu den geltenden Vergütungsregelungen passen. Doch wir sollten bei unserer Kalkulation nicht vergessen, was hinter unserer Arbeit steckt.
Wer seine eigenen Kosten kennt, den tatsächlichen Zeitaufwand realistisch einschätzt und den Nutzen seiner Leistung verständlich kommuniziert, schafft eine wichtige Grundlage für langfristigen unternehmerischen Erfolg.
Denn am Ende verkaufen wir nicht einfach nur ein Dokument. Wir bieten Fachwissen, Erfahrung, Sorgfalt und Verantwortung – und genau das sollte sich auch in einer wirtschaftlich tragfähigen Honorarkalkulation widerspiegeln.
Wir wünschen auch weiterhin viel Erfolg,
Ihr DGuSV-Team
