
Wir kennen das alle: Nach einem Ortstermin haben wir unsere Feststellungen dokumentiert, Messwerte ausgewertet, relevante Unterlagen geprüft und unsere fachliche Bewertung abgeschlossen. Jetzt gilt es, die Ergebnisse in einem Gutachten zusammenzufassen. Doch was, wenn der Auftraggeber danach nur noch Fragezeichen im Gesicht hat? Wir geben Tipps, wie ein Gutachten auch ohne komplizierte Sprache aussehen kann.
Beim Gutachtenschreiben möchten wir selbstverständlich präzise formulieren, fachlich korrekt bleiben und unsere Aussagen nachvollziehbar begründen.
Doch manchmal passiert genau das Gegenteil: Wir verwenden lange Sätze, komplizierte Fachbegriffe und verschachtelte Formulierungen, weil wir besonders professionell schreiben möchten.
Das Ergebnis? Ein Gutachten, das fachlich fundiert ist, dessen Inhalt für den Auftraggeber aber nur schwer verständlich bleibt.
Dabei gilt: Fachliche Kompetenz zeigt sich nicht darin, möglichst kompliziert zu schreiben, sondern darin, komplexe Sachverhalte verständlich erklären zu können.
Gutachten verständlich schreiben: Für wen schreiben wir eigentlich?
Als Gutachter und Sachverständige bewegen wir uns täglich in unserem jeweiligen Fachgebiet. Technische Begriffe, Normen, Bewertungsmethoden und branchenspezifische Zusammenhänge gehören für uns zum Alltag.
Unsere Auftraggeber bringen dieses Wissen jedoch nicht immer mit.
Ein privater Immobilienbesitzer versteht möglicherweise nicht jede bautechnische Formulierung. Ein Fahrzeughalter kennt nicht unbedingt die Fachbegriffe einer Schadenkalkulation. Und auch Unternehmen benötigen häufig eine verständliche Einordnung komplexer Sachverhalte.
Deshalb sollten wir uns beim Schreiben immer wieder eine einfache Frage stellen:
Kann der Leser nachvollziehen, was wir festgestellt haben, wie wir zu unserer Bewertung gekommen sind und welche Schlussfolgerungen sich daraus ergeben?
Denn ein Gutachten soll nicht nur fachlich richtig sein. Es soll seine Ergebnisse auch nachvollziehbar vermitteln.
Verständlichkeit ist kein Zeichen mangelnder Fachkompetenz
Manchmal entsteht der Eindruck, dass besonders komplizierte Formulierungen automatisch besonders professionell wirken.
Doch ein langer Satz wird nicht allein dadurch fachlich wertvoll, dass er möglichst viele Fremdwörter enthält.
Im Gegenteil: Unnötig komplexe Sprache kann die eigentliche Aussage verdecken.
Wenn wir einen Sachverhalt klar und strukturiert erklären, zeigen wir damit, dass wir ihn selbst vollständig durchdrungen haben.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass wir auf notwendige Fachbegriffe verzichten sollten. Gerade bei normativen, technischen oder rechtlichen Fragestellungen kommt es auf eine präzise Terminologie an.
Entscheidend ist vielmehr, Fachbegriffe dort einzusetzen, wo sie erforderlich sind, und sie bei Bedarf verständlich zu erläutern.
Kleine Formulierungen, große Wirkung
Oft reichen bereits kleine sprachliche Veränderungen, um einen Text deutlich lesbarer zu machen.
Ein paar Beispiele aus dem Gutachteralltag zeigen, was gemeint ist:
– Statt: „Im Rahmen der durchgeführten visuellen Inaugenscheinnahme konnte eine Feuchtigkeitsbeaufschlagung der raumseitigen Wandoberfläche festgestellt werden.“ Besser: „Bei der Besichtigung wurden Feuchtigkeitsspuren an der Innenseite der Wand festgestellt.“
– Statt: „Eine abschließende Beurteilung des vorliegenden Schadensbildes kann aufgrund der unzureichenden Datenlage zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorgenommen werden.“ Besser: „Für eine abschließende Bewertung des Schadens liegen derzeit nicht genügend Informationen vor.“
– Statt: „Die festgestellten Abweichungen lassen auf eine nicht regelkonforme Ausführung der betreffenden Bauteilkonstruktion schließen.“ Besser: „Die festgestellten Abweichungen deuten darauf hin, dass die Konstruktion nicht entsprechend den geltenden technischen Anforderungen ausgeführt wurde.“
Natürlich müssen wir bei jeder Umformulierung darauf achten, dass die fachliche Aussage unverändert bleibt. Insbesondere sollten wir zwischen Beobachtungen, Vermutungen und gesicherten Feststellungen klar unterscheiden.
Verständlicher schreiben bedeutet nicht, ungenauer zu werden.
Eine klare Struktur hilft beim Verstehen
Nicht nur unsere Wortwahl beeinflusst die Lesbarkeit eines Gutachtens. Auch der Aufbau spielt eine entscheidende Rolle.
Wenn wir Feststellungen, Bewertungen und Schlussfolgerungen miteinander vermischen, fällt es Lesern schwer, unserer Argumentation zu folgen.
Eine nachvollziehbare Gliederung schafft hier Orientierung.
Zunächst sollte klar sein, welche Fragestellung wir bearbeiten. Anschließend erläutern wir unsere Untersuchungen und dokumentieren die tatsächlichen Feststellungen. Darauf bauen unsere fachlichen Bewertungen und Schlussfolgerungen auf.
So entsteht ein roter Faden, der auch für Personen nachvollziehbar bleibt, die beim Ortstermin nicht anwesend waren.
Gerade bei umfangreicheren Gutachten können aussagekräftige Zwischenüberschriften, eindeutig beschriftete Abbildungen und verständliche Erläuterungen die Orientierung zusätzlich erleichtern.
Kurze Sätze können viel bewirken
Ein weiterer häufiger Stolperstein sind übermäßig lange Sätze.
Wenn wir mehrere Feststellungen, Einschränkungen und Schlussfolgerungen in einem einzigen Satz unterbringen, wird es für den Leser schnell unübersichtlich.
Dabei lassen sich komplexe Sachverhalte häufig besser vermitteln, wenn wir die einzelnen Aussagen voneinander trennen.
Ein Satz beschreibt die Beobachtung. Der nächste erläutert deren fachliche Bedeutung. Anschließend folgt die Schlussfolgerung.
Das wirkt nicht weniger professionell, sondern macht unsere Argumentation leichter überprüfbar.
Und genau diese Nachvollziehbarkeit ist eine wichtige Qualitätsanforderung an unsere Arbeit.
Präzision bleibt wichtiger als sprachliche Einfachheit
Bei aller Verständlichkeit dürfen wir einen entscheidenden Punkt nicht vergessen: Ein Gutachten ist kein beliebiger Informationstext.
Unsere Formulierungen müssen fachlich belastbar sein.
Es macht beispielsweise einen erheblichen Unterschied, ob wir einen Schaden eindeutig auf eine Ursache zurückführen können oder ob lediglich Anhaltspunkte für einen möglichen Zusammenhang vorliegen.
Solche Unterschiede dürfen bei einer sprachlichen Vereinfachung nicht verloren gehen.
Auch festgelegte Fachbegriffe, Normbezeichnungen und rechtlich relevante Formulierungen sollten wir nicht einfach durch umgangssprachliche Ausdrücke ersetzen, wenn dadurch ihre Bedeutung verändert wird.
Unser Ziel ist deshalb nicht, möglichst einfache Texte zu schreiben.
Unser Ziel ist eine Sprache, die so verständlich wie möglich und so präzise wie nötig ist.
Verständliche Gutachten schaffen Vertrauen
Ein nachvollziehbares Gutachten erleichtert nicht nur dem Auftraggeber das Verständnis.
Es kann auch Rückfragen reduzieren und Missverständnisse vermeiden.
Wenn unsere Leser erkennen können, auf welchen Feststellungen unsere Bewertung beruht und wie wir zu unseren Schlussfolgerungen gelangen, wirkt unsere Arbeit transparent und nachvollziehbar.
Das ist besonders wichtig, wenn unsere Ergebnisse nicht den Erwartungen des Auftraggebers entsprechen.
Denn eine fachliche Bewertung muss nicht jedem gefallen. Sie sollte aber so formuliert sein, dass ihre Grundlagen und Schlussfolgerungen nachvollzogen werden können.
Verständlichkeit ist deshalb nicht bloß eine Frage des Schreibstils. Sie ist ein wichtiger Bestandteil unserer professionellen Kommunikation.
? DGuSV-Praxistipp
Lesen Sie Ihr nächstes Gutachten vor der Abgabe einmal bewusst aus der Perspektive eines fachfremden Auftraggebers.
Prüfen Sie dabei besonders die Einleitung, die wesentlichen Feststellungen und das Fazit.
Sind die Aussagen eindeutig? Werden notwendige Fachbegriffe ausreichend erklärt? Ist erkennbar, welche Schlussfolgerung auf welchen Feststellungen beruht?
Oft genügt bereits ein zusätzlicher Korrekturdurchgang, um unnötig komplizierte Formulierungen zu erkennen und den Text verständlicher zu gestalten.
Fazit: Gute Gutachten überzeugen durch Klarheit
Unsere Aufgabe als Gutachter besteht nicht nur darin, Sachverhalte fachlich korrekt zu untersuchen und zu bewerten.
Wir müssen unsere Ergebnisse auch so dokumentieren, dass andere unsere Vorgehensweise und unsere Schlussfolgerungen nachvollziehen können.
Dafür brauchen wir keine unnötig komplizierte Sprache.
Wir brauchen klare Aussagen, eine logische Struktur und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären, ohne dabei fachliche Genauigkeit einzubüßen.
Denn am Ende zeigt sich unsere Kompetenz nicht an der Anzahl der verwendeten Fachbegriffe.
Ein wirklich gutes Gutachten ist nicht nur fachlich fundiert. Es ist auch so geschrieben, dass seine Aussagen verstanden werden können.
Wir wünschen viel Erfolg dabei,
Ihr DGuSV-Team
