
Der Herbst zeigt sich von seiner stürmischen Seite. Kräftige Windböen fegen über die Dächer, Äste brechen ab und am nächsten Morgen entdecken Eigentümer beschädigte Dachziegel, heruntergefallene Bauteile oder Schäden an der Fassade.
Schnell steht die Frage im Raum: War das der Sturm?
Für viele Betroffene scheint die Antwort offensichtlich. Schließlich war das Gebäude vor dem Unwetter vermeintlich noch in Ordnung. Doch wir Gutachter und Sachverständige wissen: Nicht jeder Schaden, der nach einem Sturm entdeckt wird, ist zwangsläufig auch durch diesen Sturm entstanden.
Genau hier beginnt unsere Aufgabe. Wir müssen den Schaden sorgfältig erfassen, mögliche Ursachen untersuchen und nachvollziehbar zwischen einem aktuellen Ereignis, bereits vorhandenen Mängeln und altersbedingtem Verschleiß unterscheiden.
Nach dem Sturm zählt eine sorgfältige Bestandsaufnahme
Wenn ein Gebäude durch ein Unwetter beschädigt wurde, muss es häufig schnell gehen.
Lose Dachziegel stellen eine Gefahr dar, beschädigte Dachflächen müssen möglicherweise provisorisch abgedeckt und heruntergefallene Bauteile beseitigt werden.
Solche Sicherungsmaßnahmen sind wichtig, um Menschen zu schützen und weitere Schäden zu verhindern.
Gleichzeitig kann sich durch Aufräumarbeiten und Reparaturen das ursprüngliche Schadensbild verändern.
Für unsere spätere Begutachtung bedeutet das eine besondere Herausforderung: Wir müssen möglichst zuverlässig nachvollziehen können, wie sich der Schaden unmittelbar nach dem Ereignis dargestellt hat.
Eine frühzeitige und strukturierte Dokumentation ist deshalb besonders wertvoll.
Dabei geht es nicht darum, notwendige Sicherungsarbeiten aufzuhalten. Vielmehr sollten wir vorhandene Spuren dokumentieren, soweit dies gefahrlos möglich ist, und bereits entstandene Fotos, Aufzeichnungen oder andere Unterlagen in unsere Untersuchung einbeziehen.
Sturm oder Vorschaden? Die entscheidende Frage
Ein beschädigter Dachziegel, eine gelöste Fassadenverkleidung oder eine verformte Dachrinne kann unterschiedliche Ursachen haben.
Möglicherweise hat tatsächlich eine starke Windböe den Schaden verursacht.
Vielleicht waren jedoch bereits zuvor Befestigungen geschwächt, Bauteile beschädigt oder Materialien durch Alterung beeinträchtigt.
Auch eine Kombination mehrerer Faktoren ist denkbar.
Unsere Aufgabe besteht deshalb nicht allein darin, den sichtbaren Schaden zu beschreiben.
Wir müssen prüfen, welche Anhaltspunkte für die verschiedenen möglichen Ursachen sprechen.
Dazu können beispielsweise das Schadensbild, der Zustand angrenzender Bauteile, vorhandene Befestigungen, frühere Reparaturen oder dokumentierte Vorschäden wichtige Hinweise liefern.
Der Zeitpunkt, zu dem ein Schaden entdeckt wird, ist nicht automatisch der Zeitpunkt seiner Entstehung.
Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, wenn unsere Feststellungen später für eine versicherungsrechtliche Bewertung herangezogen werden.
Was wir bei der Begutachtung dokumentieren sollten
Damit unsere Feststellungen auch nach Abschluss des Ortstermins nachvollziehbar bleiben, empfiehlt sich ein systematisches Vorgehen.
Je nach Gebäude, Auftrag und Schadensbild sollten wir insbesondere folgende Punkte berücksichtigen:
- Schadenumfang: Welche Bauteile sind betroffen und wie groß ist das sichtbare Schadensausmaß?
- Schadenlage: Wo befinden sich die Beschädigungen und wie sind sie räumlich zuzuordnen?
- Fotodokumentation: Liegen Übersichtsaufnahmen, Detailbilder und Bilder der angrenzenden Bereiche vor?
- Bauteilzustand: Gibt es Hinweise auf Alterung, Korrosion, frühere Beschädigungen oder unzureichende Befestigungen?
- Schadenshistorie: Sind frühere Reparaturen, Wartungsarbeiten oder vergleichbare Schäden bekannt?
- Ereignisdaten: Welche Informationen liegen zu Zeitpunkt, Verlauf und örtlichen Auswirkungen des Unwetters vor?
Dabei sollten wir konsequent zwischen eigenen Beobachtungen und Angaben Dritter unterscheiden.
Wenn ein Eigentümer beispielsweise berichtet, dass vor dem Sturm keine Schäden sichtbar gewesen seien, ist das eine wichtige Information. Sie ersetzt jedoch nicht unsere eigene fachliche Untersuchung.
Wetterdaten sind wichtig – aber nicht allein entscheidend
Bei Sturmschäden spielen meteorologische Informationen häufig eine wesentliche Rolle.
Wann ist das Unwetter aufgetreten? Welche Windgeschwindigkeiten wurden in der Region gemessen? Gibt es Hinweise auf besonders starke örtliche Böen?
Solche Informationen können helfen, das Ereignis einzuordnen.
Allerdings dürfen wir Wetterdaten nicht isoliert betrachten.
Eine Messstation bildet nicht zwangsläufig die tatsächlichen Windverhältnisse unmittelbar am betroffenen Gebäude ab. Topografie, Bebauung, Gebäudehöhe und lokale Strömungsverhältnisse können die Windbeanspruchung beeinflussen.
Auch aus einer dokumentierten hohen Windgeschwindigkeit folgt nicht automatisch, dass jede festgestellte Beschädigung durch dieses Ereignis verursacht wurde.
Erst die gemeinsame Betrachtung von Wetterdaten, Gebäudesituation und konkretem Schadensbild ermöglicht eine fundierte fachliche Bewertung.
Technische Schadenursache und Versicherungsschutz sind nicht dasselbe
Gerade bei Sturmschäden werden wir häufig mit Erwartungen konfrontiert.
Der Eigentümer möchte wissen, ob die Versicherung zahlt. Die Versicherung benötigt Informationen zur Schadenursache und zum Umfang der Beschädigungen.
Hier sollten wir unsere Rolle klar abgrenzen.
Als technische Sachverständige untersuchen und bewerten wir die Ursachen und Auswirkungen des Schadens im Rahmen unseres Auftrags.
Ob und in welchem Umfang Versicherungsschutz besteht, hängt dagegen von den vereinbarten Versicherungsbedingungen und den rechtlichen Umständen des Einzelfalls ab.
Beispielsweise kann eine bestimmte Windstärke für den jeweiligen Versicherungsvertrag relevant sein. Daraus ergibt sich jedoch nicht automatisch eine technische Aussage über die konkrete Schadenursache.
Unsere fachliche Neutralität ist deshalb gerade bei Versicherungsfällen besonders wichtig.
Wir sollten weder vorschnell einen versicherten Sturmschaden bestätigen noch einen Zusammenhang ausschließen, bevor die erforderlichen Feststellungen getroffen wurden.
Wenn Spuren bereits beseitigt wurden
Nicht immer werden wir unmittelbar nach einem Unwetter hinzugezogen.
Manchmal sind beschädigte Bauteile bereits entfernt, Dachflächen repariert oder betroffene Bereiche gereinigt worden.
Das erschwert die Untersuchung, macht eine Begutachtung aber nicht grundsätzlich unmöglich.
Vorhandene Fotos, Handwerkerberichte, Rechnungen, Wetterdaten und Aussagen der Beteiligten können zusätzliche Informationen liefern.
Entscheidend ist, dass wir die Aussagekraft dieser Unterlagen sorgfältig prüfen.
Wenn der ursprüngliche Zustand nicht mehr vollständig nachvollzogen werden kann, müssen wir diese Einschränkung in unserer Bewertung berücksichtigen.
Denn auch hier gilt: Eine fachlich begründete Unsicherheit ist besser als eine vermeintlich eindeutige Schlussfolgerung ohne ausreichende Grundlage.
? DGuSV-Praxistipp
Nutzen Sie bei der Begutachtung von Sturmschäden ein einheitliches Fotodokumentationsschema.
Beginnen Sie nach Möglichkeit mit Übersichtsaufnahmen des Gebäudes und der betroffenen Gebäudeseite. Ergänzen Sie anschließend Detailaufnahmen der Beschädigungen sowie Bilder angrenzender und gegebenenfalls unbeschädigter Bauteile.
Dokumentieren Sie außerdem, wann die Aufnahmen entstanden sind und ob bereits Sicherungs- oder Reparaturmaßnahmen durchgeführt wurden.
So lassen sich die Feststellungen später besser zuordnen und die Schadenentwicklung nachvollziehbarer darstellen.
Achten Sie dabei stets auf die eigene Sicherheit. Beschädigte Dächer, lose Bauteile und absturzgefährdete Bereiche dürfen nur unter geeigneten Sicherheitsbedingungen untersucht werden.
Fazit: Gute Beweissicherung schafft die Grundlage für eine fundierte Bewertung
Sturmschäden gehören zu den typischen Herausforderungen der Herbst- und Wintermonate.
Für Eigentümer stehen häufig die schnelle Reparatur und die Frage nach einer möglichen Versicherungsleistung im Vordergrund.
Für uns Gutachter und Sachverständige beginnt die Arbeit dagegen mit einer anderen Frage: Was können wir tatsächlich feststellen – und welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus fachlich begründen?
Eine sorgfältige Dokumentation, die Prüfung möglicher Vorschäden und die sachgerechte Einordnung der Wetterbedingungen sind dafür wichtige Grundlagen.
Dabei müssen wir nicht jede Unsicherheit um jeden Preis auflösen. Entscheidend ist, dass unsere Bewertungen nachvollziehbar bleiben und wir die Grenzen unserer Erkenntnisse offen benennen.
Denn ein professionelles Schadengutachten soll nicht einfach nur bestätigen, dass ein Schaden vorhanden ist.
Es soll verständlich erklären, was beschädigt wurde, welche Ursachen dafür infrage kommen und welche Feststellungen unsere Bewertung tragen.
Wir wünschen weiterhin viel Erfolg,
Ihr DGuSV-Team
