
Wir haben sorgfältig geprüft, dokumentiert, bewertet und unser Gutachten fertiggestellt. Fachlich ist die Sache für uns klar. Für den Auftraggeber möglicherweise nicht.
So manches Mal bekommen wir Aussagen wie „Damit habe ich aber nicht gerechnet“, „Das sehe ich ganz anders“ oder vielleicht sogar „Können Sie das nicht noch einmal ändern?“ zu hören.
Kritik am eigenen Gutachten gehört vermutlich zu den Situationen, die wir uns im Berufsalltag nicht unbedingt wünschen. Trotzdem gehört auch der professionelle Umgang mit Rückfragen und Kritik zu unserer Tätigkeit als Gutachter und Sachverständige. Wie also mit Kritik zu Gutachten umgehen? Wir verraten mehr.
Erwartungen und Ergebnisse sind zwei verschiedene Dinge
Nicht jedes Gutachten liefert das Ergebnis, das sich ein Auftraggeber erhofft hat. Wer einen Gutachter beauftragt, hat häufig bereits eine Vorstellung davon, wie ein Sachverhalt zu bewerten ist. Der Eigentümer ist überzeugt, dass ein Baumangel vorliegt. Nach einem Fahrzeugschaden erscheint die erwartete Schadenhöhe längst klar. Oder eine Partei in einem Streitfall ist sich sicher, im Recht zu sein.
Unsere Aufgabe besteht jedoch nicht darin, diese Erwartung zu bestätigen.
Wir sollen einen Sachverhalt unabhängig, fachlich fundiert und nachvollziehbar bewerten. Dabei kann das Ergebnis den Vorstellungen unseres Auftraggebers entsprechen – es kann aber ebenso davon abweichen. Genau dann wird aus einer fachlichen Bewertung schnell eine emotionale Angelegenheit.
Erst zuhören, dann reagieren
Wenn ein Auftraggeber unser Gutachten kritisiert, ist der erste Impuls vielleicht, die eigene Arbeit sofort zu verteidigen. Doch zunächst sollten wir herausfinden, worum es eigentlich geht.
Wurde eine Formulierung missverstanden? Fehlt dem Auftraggeber eine Information? Ist eine Schlussfolgerung nicht ausreichend nachvollziehbar dargestellt? Oder richtet sich die Kritik tatsächlich gegen unsere fachliche Bewertung?
Oft lässt sich eine vermeintliche Meinungsverschiedenheit bereits durch eine verständliche Erklärung auflösen. Zuhören bedeutet dabei nicht zustimmen. Es bedeutet zunächst einmal, die Kritik ernst zu nehmen.
Kritik prüfen – auch wenn wir von unserer Arbeit überzeugt sind
Wir arbeiten sorgfältig. Trotzdem sind auch Gutachter Menschen. Eine Zahl kann falsch übertragen worden sein, eine Formulierung kann missverständlich sein oder eine Information wurde möglicherweise nicht ausreichend berücksichtigt. Deshalb sollten wir sachliche Hinweise grundsätzlich prüfen.
Ein professioneller Umgang mit Kritik bedeutet für uns nicht, automatisch an der eigenen Kompetenz zu zweifeln. Er bedeutet vielmehr, offen genug zu sein, unsere Arbeit noch einmal anhand der Fakten zu überprüfen.
Stellt sich dabei tatsächlich ein Fehler heraus, sollte dieser transparent und professionell korrigiert werden. Das schadet unserer Glaubwürdigkeit nicht. Der Versuch, einen offensichtlichen Fehler um jeden Preis zu verteidigen, möglicherweise schon.
Vier konkrete Fragen, die bei schwierigen Rückmeldungen helfen
Gerade wenn eine Diskussion emotional wird, hilft ein klarer Ablauf. Bevor wir reagieren, können wir uns vier einfache Fragen stellen:
- Was genau wird kritisiert? Geht es um Fakten, eine Formulierung oder lediglich um das Ergebnis?
- Gibt es neue Informationen? Liegen Unterlagen oder Erkenntnisse vor, die wir bisher nicht berücksichtigen konnten?
- Ist unsere Bewertung weiterhin fachlich nachvollziehbar? Dann dürfen und sollten wir auch dazu stehen.
- Liegt tatsächlich ein Fehler vor? Dann korrigieren wir ihn transparent und sauber.
Diese kurze Prüfung hilft dabei, persönliche Emotionen von der fachlichen Ebene zu trennen.
Wenn aus Kritik Einflussnahme wird
Eine Grenze ist erreicht, wenn ein Auftraggeber nicht mehr um Erklärung oder Überprüfung bittet, sondern eine bestimmte Änderung erwartet, damit das Gutachten besser zu seinen Interessen passt. Dann müssen wir klar bleiben.
Unsere Unabhängigkeit und Objektivität gehören zu den wichtigsten Grundlagen unserer Arbeit. Ein Ergebnis darf sich nicht danach richten, wer uns beauftragt oder bezahlt hat. Das kann bedeuten, einem Auftraggeber freundlich, aber eindeutig zu erklären:
Wir prüfen unsere Bewertung gerne – wir ändern sie aber nicht, nur weil ein anderes Ergebnis gewünscht wird.
Gerade in solchen Situationen zeigt sich professionelle Unabhängigkeit.
Verständlichkeit kann Konflikte verhindern
Nicht jede Auseinandersetzung lässt sich vermeiden. Viele Rückfragen können wir jedoch bereits bei der Erstellung unseres Gutachtens reduzieren.
Wenn Feststellungen, Bewertungsgrundlagen und Schlussfolgerungen klar voneinander getrennt und nachvollziehbar dargestellt werden, können Auftraggeber besser verstehen, wie wir zu unserem Ergebnis gekommen sind. Auch Fachbegriffe sollten wir dort erklären, wo sie für das Verständnis notwendig sind.
Denn ein Gutachten kann fachlich vollkommen korrekt sein – wenn der Leser die Argumentation nicht nachvollziehen kann, entstehen trotzdem Fragen.
Kritik ist nicht automatisch etwas Negatives
So unangenehm eine kritische Rückmeldung zunächst sein kann: Sie liefert uns manchmal wertvolle Hinweise.
Wenn Auftraggeber regelmäßig an derselben Stelle nachfragen, könnte beispielsweise die Darstellung im Gutachten verbessert werden. Wenn bestimmte Abläufe immer wieder für Missverständnisse sorgen, lohnt sich vielleicht eine klarere Kommunikation bereits bei der Auftragsannahme.
Kritik kann uns deshalb helfen, unsere Arbeit aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Nicht jede Kritik ist berechtigt. Aber fast jede Rückmeldung verrät uns etwas darüber, wie unsere Arbeit beim Empfänger ankommt.
? DGuSV-Praxistipp
Reagieren Sie auf kritische Rückfragen nicht zwischen zwei Terminen aus dem Bauch heraus. Prüfen Sie zunächst das Gutachten und die angesprochenen Punkte. Trennen Sie dabei konsequent zwischen einer fachlich berechtigten Rückfrage und der bloßen Unzufriedenheit mit dem Ergebnis. So können Sie anschließend ruhig, sachlich und nachvollziehbar antworten – und vermeiden Diskussionen auf einer emotionalen Ebene.
Fazit: Souveränität zeigt sich nicht nur beim Erstellen des Gutachtens
Unsere fachliche Kompetenz zeigt sich darin, dass wir zu nachvollziehbaren und unabhängigen Ergebnissen kommen. Unsere Professionalität zeigt sich aber auch darin, wie wir reagieren, wenn diese Ergebnisse infrage gestellt werden.
Wir sollten Kritik ernst nehmen, Fakten erneut prüfen und Fehler korrigieren, wenn sie tatsächlich vorliegen. Gleichzeitig dürfen wir zu unserer fachlichen Einschätzung stehen, wenn sie auch nach erneuter Prüfung Bestand hat. Denn Auftraggeber bezahlen uns nicht dafür, dass wir ihnen recht geben. Sie beauftragen uns für eine fachlich fundierte und unabhängige Bewertung.
Ein guter Gutachter kann Kritik annehmen. Ein unabhängiger Gutachter kann ebenso gut begründen, warum er bei seiner Einschätzung bleibt.
