
Gutachterinnen und Gutachter tragen Verantwortung. Nicht nur fachlich, sondern auch rechtlich. Ein Gutachten ist selten „nur“ eine technische Einschätzung – es ist häufig Grundlage für Entscheidungen mit erheblicher finanzieller, rechtlicher oder persönlicher Tragweite.
Umso wichtiger ist es, typische Haftungsfallen zu kennen. Denn viele Probleme entstehen nicht durch mangelnde Fachkenntnis, sondern durch Form, Struktur oder Kommunikation. Und genau hier lauern die größten Risiken.
Haftung beginnt nicht beim Ergebnis – sondern beim Auftrag
Eine der häufigsten Fehlerquellen liegt ganz am Anfang: im Auftrag selbst. Unklare Fragestellungen, zu weit gefasste Erwartungen oder implizite Zusagen führen schnell zu Missverständnissen.
Typische Risikosituationen:
- Der Auftrag ist mündlich oder nur grob per E-Mail formuliert.
- Der Zweck des Gutachtens (Beweissicherung, Entscheidungshilfe, Gericht) bleibt offen.
- Der Adressatenkreis ist nicht eindeutig definiert.
Ein sauber formulierter Auftrag schützt beide Seiten. Er legt fest, was geprüft wird – und was ausdrücklich nicht. Wer hier klar arbeitet, reduziert Haftungsrisiken erheblich.
Befund, Bewertung, Schlussfolgerung – bitte trennen
Ein Klassiker unter den Haftungsfallen: die Vermischung von Ebenen. Wenn Beobachtungen, Bewertungen und Empfehlungen ineinanderfließen, entstehen Angriffsflächen.
Bewährt hat sich eine klare Trennung:
- Befund: Was wurde festgestellt? Messwerte, Beobachtungen, Dokumentation.
- Bewertung: Wie sind diese Befunde fachlich einzuordnen?
- Schlussfolgerung/Empfehlung: Was folgt daraus – sofern beauftragt?
Diese Struktur ist nicht nur juristisch sinnvoll, sondern erhöht auch die Verständlichkeit für Auftraggeber, Gerichte und Versicherer.
Unklare Sprache ist ein Risiko
Formulierungen wie „offensichtlich“, „eindeutig“, „zweifelsfrei“ oder „wahrscheinlich verursacht durch“ wirken auf den ersten Blick selbstbewusst – sind aber haftungstechnisch heikel, wenn sie nicht sauber belegt sind.
Tragfähiger sind Formulierungen wie:
„Gesichert ist …“
„Wahrscheinlich ist … aufgrund von …“
„Nicht geprüft werden konnte …, da …“
Solche Abstufungen zeigen Fachlichkeit, Transparenz und methodische Sorgfalt. Und sie machen deutlich, wo die Grenzen der Aussage liegen.
Dokumentation: Wenn es nicht dokumentiert ist, existiert es nicht
Ein weiterer häufiger Haftungsgrund ist unzureichende Dokumentation. Dazu zählen:
- fehlende oder unscharfe Fotos
- Messungen ohne Angabe der Randbedingungen
- fehlende Zeit- oder Ortsangaben
- nicht nachvollziehbare Rechenwege
Gerade bei späteren Auseinandersetzungen zählt nicht, was gemeint war, sondern was nachvollziehbar dokumentiert ist. Gute Dokumentation ist kein Selbstzweck – sie ist die beste Absicherung.
Auch das Nicht-Prüfen gehört ins Gutachten
Ein oft unterschätzter Punkt: Grenzen offen benennen.
Nicht jeder Bereich ist zugänglich, nicht jede Prüfung sinnvoll oder möglich. Wer diese Grenzen verschweigt, läuft Gefahr, dass ihm später eine unterlassene Prüfung vorgeworfen wird.
Besser ist es, klar festzuhalten:
- welche Bereiche nicht geprüft wurden
- warum dies nicht möglich war
- welche Auswirkungen das auf die Aussagekraft hat
Transparenz wirkt nicht schwach – sie wirkt professionell.
Haftung ist auch eine Frage der Haltung
Viele Haftungsfälle entstehen dort, wo Sachverständige „helfen wollen“ – mit schnellen Einschätzungen, informellen Aussagen oder Aussagen außerhalb des eigentlichen Auftrags. Ein kurzer Satz am Telefon oder eine beiläufige E-Mail kann später zum Problem werden.
Professionelle Distanz, klare Kommunikation und schriftliche Fixierung sind deshalb kein Zeichen von Bürokratie, sondern von Verantwortung.
Unterstützung durch klare Standards
Gerade in Haftungsfragen zeigt sich der Wert eines starken fachlichen Umfelds. Der Deutscher Gutachter und Sachverständigen Verband e.V. unterstützt seine Mitglieder mit Orientierung, Informationen und Standards, die helfen, typische Fehler zu vermeiden und die eigene Arbeit rechtssicher aufzustellen.
Fazit: Sorgfalt schützt
Haftungsfallen lassen sich nicht vollständig vermeiden – aber deutlich reduzieren.
Wer Aufträge sauber klärt, strukturiert arbeitet, klar formuliert und transparent dokumentiert, schützt nicht nur sich selbst, sondern stärkt auch das Vertrauen in den Berufsstand insgesamt.
Denn am Ende gilt: Gute Gutachten überzeugen nicht nur fachlich – sie halten auch rechtlich stand.
